Pio Sommerlager

Wer kennt sie nicht? Die französische Revolution. Eine Ansammlung komplizierter Fakten, langweiliger Jahreszahlen und spannender Kämpfe – und der eint oder anderen haarsträubenden Köpfung. Uns alle holt sie früher oder später ein, diese wichtige Geburt der Demokratie. Spätestens in der Oberstufe, wenn Worte wie „égalité, fraternité, liberté“ verstanden werden sollten. Als unsere Pios jedoch verstanden hatten, dass sie ungemütlicher Schulstoff ausgerechnet in den Sommerferien – nämlich als Lagerthema getarnt – heimsuchen würde, da verdrehten sich doch so manche Augenpaare in Richtung des stahlblauen Sommerhimmels.

Bereits im Zug überreichte uns der Billetkontrolleur einen Brief. Das blumig geschriebene Papier war von keinem geringeren, als dem König von Frankreich, dem grossartigen Ludwig XIV! Er lud uns, seine Untertanen zu sich, in sein Reich ein. Wir, etwas befremdet von der aussicht, als Untertanen betrachtet zu werden folgten seiner Einladung und fuhren in den fernen Jura. Da wir gemäss königlicher Auffassung nicht genügend gut gekleidet waren, erhielten wir den Auftrag je einen Schal zu stricken. So brach mitten im Zug das „Fingerlisme-Fieber“ aus und schon bald erstreckten sich meterlange Wollenschlangen durch Zugabteile und Bahnhöfe.

Schliesslich erreichten wir unseren Lagerplatz in Soubey, in der Nähe des malerischen Flusses Doubs. Nun eigentlich war es gar nicht unser Lagerplatz, sondern eine kurzfristig organisierte Wiese, die als Ersatz herhalten musste. Die eigentliche Wiese war von Kühen und Kälbern bevölkert, der Besitzer weilte gemütlich in Griechenland und wir standen ziemlich im Regen. Nichts desto trotz lebten wir uns auf der neuen Wiese gut ein und so ging der erste Tag mit einem gemütlichen BiPi Feuer zu Ende.

Der nächste Tag brachte strahlenden Sonnenschein und einiges an Arbeit. Lagerbauten wurden erstellt und Wasser herangetragen. Nach dem Mittag begrüsste uns der König. Auch mit den beiden Revolutionären Danton und Robespierre machten wir Bekanntschaft. Sie wetterten gegen das gängige System und strebten nach der Absetzung des Königs. Dieser wollte davon jedoch nichts wissen. Ganz im Gegenteil. Er wollte einige von uns in den Adelsstand erheben! Da der Adel einiges auf dem Kasten haben sollte, hatte der König ein 24-Stunden Geländegame organisiert. Da wir etwas später dran waren, ging es nur halb so lang, doch immerhin bis Mitternacht. In Gruppen musste ein Dorf aufgebaut und das eigene Gebiet erweitert werden. In dem Gebiet konnte dann in den Gruppen das Abendessen gekocht werden. Am Ende belohnte uns die Küche mit Apfelringen in heisser Vanillesauce!

Am Montag verwöhnte uns die Küche gleich noch einmal mit einem feinen Brunch, samt Speck und Rührei. Der König erhob die Sieger des Geländegames in den Adelsstand. Solchermassen gestärkt machten wir uns mit Badehosen auf, an den Doubs…

Die mit Kühen bewohnte Wiese runter, weiter zum Bauernhaus, wo wir uns mit Gummibooten bepackten, dann das letzte Stück – und wir kamen am Fluss an. Der Tag verging mit Kartenspielen, baden und sonnen, mit dem Gummiboot den Fluss hinunter und die ganze Strecke wieder zurücklaufen, kalten Fajitas und mit argwöhnischen Vermutungen, als wir den Rückweg antraten. Denn wir mussten Lebensmittel vom Bauernhaus zum Lagerplatz hochtragen. Doch was eigentlich unser Misstrauen bezog, waren die Raviolidosen die zwischen den Esswaren lagen.

Richtig zusammengereimt – am nächsten Tag besuchten uns Danton und Robespierre, die uns losschickten um ihre revolutionäre Mentalität zu verbreiten. Übersetzt heisst das so viel wie; Hajk. Überall konnte man Beklagungen in Gesprächen aufschnappen, darüber, dass wir im französischen Teil der Schweiz sind und niemand Französisch sprechen kann, Kartenlesen zu den geheimen Künsten Chinas gehört und dass sicher steile und kilometerlange Strecken auf uns warten. Doch insgeheim freute sich jeder auf den Hajk. Es bedeutet Abenteuer und Spass.

Nach der Gruppeneinteilung und den Nahrungsvorräten, die noch irgendwie in den kleinen Rucksack gestopft wurden, ging es los; jedoch nicht alleine in den Gruppen. Es liefen alle das erste Stück mit – auch die Leiter begleiteten uns. Zuerst alles friedlich den Berg runter, doch die Idylle täuschte; es folgte ein unglaublich steiler Waldweg unter der brennenden Sonne und einige ironische Witze wie „ ich glaub mini Schwitzdrüse fühlet sich dezue verpflichtet d’Niagarawasserfäll z’ernähre.“ Doch oben angelangt überraschten (inzwischen nicht mehr für alle eine Überraschung) uns die Leiter mit Velos. Zur Erfreung aller leicht erschöpften Pios ging das Erlebnis auf zwei Rädern weiter. Der zu unserem Ziel führendem Weg ging erfreulicherweise hauptsächlich taleinwärts.

Wir sollten uns am nächsten Morgen um zehn Uhr am Bahnhof von Glovelier treffen. Es ging dann mit dem Zug weiter nach St. Ursanne, wo uns zum Glück niemand kannte, denn unsere brüchigen Französichkenntnisse brachten jeden auf die Palme; wir mussten nämlich ein Leiterlispiel zu gewinnen versuchen und die Aufgaben waren so gestellt, dass wir oft fremde Leute um Hilfe bitten mussten. Nach dem Stadtgame ging es nach Hause. Zwischendurch gab es Badepausen, die uns davon abhielten, unter der Sonne gebraten zu werden.

Zurück auf unser Wiese erwartete uns schon das nächste Drama: Der König wird von Danton umgebracht. Da Robespierre Angst hatte und wütend auf Danton war, wegen des Mordes, brachte Danton auch Robespierre um. Danach wurde Napoleon unser Anführer. Am Nachmittag gingen wir baden, und wie es zu erwarten war, fing es an zu regnen. Wir flüchteten zurück zu unseren Zelten.

Am Abend regnete es zum Glück nicht mehr, denn Nachtübung war angesagt. Doch diesmal war es völlig anders und überraschend: Anstatt uns selber schützen zu müssen, hatten wir die Aufgabe Napoleon vom mordsüchtigen Danton fernzuhalten, während er von der Priesterin geweiht wurde. Danton wollte nämlich völlig freie Demokratie. Unsere Schutzformation bestand darin, einen Kreis um den Weihungsort, eine Scheune, zu bilden und uns dann in alle Himmelsrichtungen auszubreiten sodass wir alles im Blick hatten und sofort Alarm schlagen konnten, sollte etwas gesehen werden.

Die Mission wurde erfolgreich zustande gebracht und glücklich und zufrieden begaben wir uns zu Bett (nachdem wir noch stundenlang am Feuer sassen und Werwölfeln spielten).

Am nächsten Tag wurde gefeiert, dass nun offiziell die Unabhängigkeit der Schweiz galt. Das Nachmittagsprogramm bestand aus Atelier. Am Schlussabend durfte Herzblatt nicht fehlen. Samstag bedeutete Abfahrt. Ein weiteres So-La neigte sich dem Ende zu. Die Bi-Pi-Kohle wurde ausgeteilt, es wurde aufgeräumt und gepackt bis wir schliesslich den Lagerplatz vollbeladen verliessen. Wir hätten zwar beinahe den Bus verpasst, und doch kamen wir schlussendlich glückselig in Wädenswil an.

Capri & Orion

 

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